Aus der Geschichte des Gymnasiums Westerstede

 Autor: Eden


Eigentlich könnten wir im Jahre 2010 die 160-Jahrfeier ausrichten, denn so alt ist unsere Schule schon, oder besser ein Vorläufer unserer Schule. Im Jahre 1850 wurde an der hiesigen dreiklassigen Volksschule eine Private Lateinschule gegründet, die als Vorläufer gelten kann. Es handelte sich um eine Art Zusatzangebot für die Schüler.

Sie wird am 15.2.1855 in einem Protokoll von Pastor Focken gesondert erwähnt, der von seinen Besuchen der Westersteder Schulen berichtet. Die Pastoren waren damals für die Schulaufsicht zuständig. Die private Schule nahm Schüler auf, die – bei entsprechender Eignung - später eine Schule in Oldenburg besuchen konnten, um dort das Abitur abzulegen.

Diese Schüler waren nicht etwa besonders qualifiziert und hatten keine Eignungsprüfung der Schule gemacht. Es handelte sich einfach um Kinder vermögender Eltern, die ihren Kindern etwas Gutes antun wollten. Es gab zwei Klassen. Beide Klassen hatten zwei Jahrgänge. Insgesamt waren es etwa 50 Schüler. Ihre Lehrer waren vor allem Hilfsprediger – also Theologen, die noch keine Pastorenstelle hatten, - und Volksschullehrer. Ihr Lohn wurde vom Schulgeld bezahlt. Bei so wenigen Schülern war er wohl nicht sehr hoch.

Da in dem Gebäude der Volksschule nicht genügend Platz vorhanden war, baute man zwei Räume in einem Privathaus an der Poststraße aus, der Nr. 15 an der Thalenweide. Nach wie vor galt die Privatschule als ein Teil der Westersteder Volksschule. Der Hauptlehrer der Volksschule erledigte auch die Verwaltung der Privatschule, hatte aber mit dem Unterricht nichts zu tun. Insofern war sie zumindest teilselbständig. Endlich wurde 1891 (nach 41 Jahren!) die Privatschule in eine eigene Einrichtung umgewandelt. An ihr unterrichtete nunmehr neben einem Hilfsprediger auch ein Lehrer, der in einem Seminar ausgebildet worden war.

Wie vorher wurden mit besonderem Schwerpunkt vor allem Fächer unterrichtet, die es an der Volksschule nicht gab, also Fremdsprachen (vor allem Latein), Physik und Mathematik; natürlich mussten die Schüler auch schreiben, lesen und rechnen. Das Privathaus reichte bald nicht mehr aus. Deshalb erhielt die Schule 1895 zwei Klassenräume in der neu erbauten und später so genannten Brakenhoffschule. Sie war etwa an der Stelle des heutigen Kinos.

Dann kam das Jahr 1910. Der Oldenburgische Landtag schaffte die Schulachten ab (das sind die alten Einzugsbereiche) und übertrug die Trägerschaft der Schulen – es waren vor allem Volksschulen – auf die Gemeinden. Diese mussten nunmehr für sinnvolle Einzugsbereiche und angemessene Gebäude sorgen und natürlich die Lehrer bezahlen. In Westerstede gab es einen Gemeindevorsteher (Bürgermeister), Dietrich Lanje aus Westerloy. Dieser und der Gemeinderat waren äußerst weitblickend. Sie übernahmen auch die Privatschule und führten sie als Höhere Bürgerschule mit dem Schulleiter Paul von Römer weiter. Es war eine Art Mittelschule, und sie war vor allem eine Zubringerschule. Sie hatte zwar den Lehrplan einer Höheren Bürgerschule, aber keine Oberstufe. Um das Abitur abzulegen, musste man spätestens nach der 10. Klasse nach Oldenburg gehen, brauchte dort allerdings ab 1940 keine Aufnahmeprüfung mehr zu machen.

Dietrich Lanje und seine Leute hatten auch den Weitblick, ein geeignetes Grundstück am südlichen Rande des Ortes in der Gartenstraße zu erwerben und 1911 eine neue Schule mit sechs Klassenräumen zu bauen. Der Architekt war August Ziese; der Bau wurde am 17. Oktober 1911 eingeweiht. Es ist der jetzige Westbau, der älteste Teil unserer Schule. Er ist leicht daran zu erkennen, dass er als einziger Gebäudeteil weiß gestrichen ist. Die Schule hatte ein wechselvolles Geschick. Trotz des ersten Weltkriegs lief anfänglich alles ganz gut. Die Schule war dreiklassig. Im ersten Weltkrieg unterrichteten nur Frauen, weil die männlichen Lehrer im Krieg waren. Bereits 1913 oder 1917 (Es gibt zwei verschiedene Angaben!) wurde sie zu einer fünfklasssigen und 1919 zu einer sechsklassigen Mittelschule ausgebaut. 1925/26 hatte sie 115 Schüler.

Die Höhere Bürgerschule bestand bis 1934. Dann wurde sie fast aufgelöst – wegen Schülermangels. Die Eltern konnten auf Grund der Weltwirtschaftskrise das Schulgeld nicht mehr bezahlen. Man hatte die Katastrophe kommen sehen und sann auf Abhilfe: Als Direktor von Römer zum 1.1.1932 pensioniert wurde, stellte man keinen Nachfolger ein. "Gott sei Dank" traf es Augustfehn in gleicher Weise. Die dortige Höhere Bürgerschule – es ist die heutige Realschule – wurde auf die vier unteren Jahrgänge reduziert, die oberen zwei Jahrgänge mussten jetzt nach Westerstede gehen. Den Direktor – Dr. Harms Stillahn - siedelte man samt seiner eventuellen Pensionsansprüche gleich mit um. Er blieb aber Schulleiter beider Schulen. Vor allem Amtshauptmann Theilen ist es zu verdanken, dass die beiden Schulen verschmolzen und die Höhere Bürgerschule Ammerland gegründet wurde. Deshalb konnten wir 1984 das 50jährige Jubiläum feiern.

Nach der Zusammenlegung nahm die Schülerzahl wieder zu: 1936 waren es 111 Schüler. Schon ab Mai 1932 hatte die ideologische Durchdringung der Schule im Sinne des Nationalsozialismus begonnen. Seit dieser Zeit bildete die NSDAP im Freistaat Oldenburg die erste Alleinregierung in Deutschland. 1940 machte die Regierung per Dekret aus der Höheren Bürgerschule Ammerland die Oberschule für Jungen (51% der Schüler waren Mädchen). Der Gemeinderat und Bürgermeister Kuck stimmten zu.

Der Zweite Weltkrieg beeinträchtigte den Unterricht stark. Viele Lehrer waren im Krieg. Deshalb gab es an der Schule bereits 1941/42 nur noch drei Lehrkräfte. Die 159 Schüler hatten ganze drei Tage Unterricht pro Woche. Schließlich wurde die Schule am 25.4.1945 geschlossen. Die Oberschule diente als Krankenhaus bzw. als Lazarett. Sie wurde am 26.9.1945 wiedereröffnet, mit gleichfalls drei Lehrkräften und drei Tagen Unterricht in der Woche. Allerdings war die Schülerzahl auf 233 gestiegen. Es gab nur die 1911 erbauten sechs Klassenräume, keine Fach- oder Nebenräume. Ab Dezember 1945 konnte dann wieder an sechs Tagen in der Woche unterrichtet werden, wenn auch nur 22 bis 26 Stunden pro Klasse. Die ersten Nachkriegsjahre waren vom Mangel in vielerlei Hinsicht geprägt. Es gab weder genügend Schreibpapier bzw. Bücher noch ausreichend Brennstoff. Die Eltern sammelten z.B. für den Winter 1947/48 über 300 Zentner Brennstoff. 30 Zentner hatte es vom Staat gegeben. Zu all dem Mangel kam ein gewaltiger Zustrom von Flüchtlingskindern. Das führte sogar dazu, dass Ostern 1946 zehn Schüler nach Oldenburg abgegeben werden mussten.

Die räumliche Enge wurde immer schlimmer, da parallel zum anschwellenden Flüchtlingsstrom ab 1947 der Ausbau der Schule zur Vollanstalt betrieben wurde, vor allem von Bürgermeister Post. Man behalf sich mit Nachmittagsunterricht, einer Baracke mit drei Klassenräumen, Räumen im damaligen Hotel Henken (heute: Textilien - Gut & Günstig) und auf der Hössen (heute: Jugendherberge). Die Frage nach dem Erhalt der Schule stellte sich mit aller Schärfe, denn die Gemeinde konnte die nötigen Baumaßnahmen alleine nicht finanzieren. Die erforderlichen Ausgaben überstiegen regelmäßig beträchtlich die Einnahmen aus dem ohnehin schon hohen Schulgeld (bis zu 180,00 DM jährlich); hinzu kamen vielfach Anträge auf Befreiung oder Ermäßigung. Die Gelder dafür reichten nie aus. Schließlich wurde doch gebaut und seither immer wieder. Um nur die wichtigsten Bauabschnitte zu nennen: 1952 bzw. 1958 wurde der Nordbau erstellt, 1962 Aula und Turnhalle, 1967 Musiksaal (Z2/1) und Ostbau (3-stöckig). 1982 bzw. 1983 wurden Pausenhalle und Z-Bau errichtet, 2005 die Mensa, und 2009 der Anbau "14 Klassen".

1949 fand das erste Abitur statt. Weil es in Westerstede noch keine Mittelschule gab, gingen viele Schüler aus den Französischklassen – vor allem Mädchen - nach der 10. Klasse ab. Sie hatten dann die Mittlere Reife erworben. So kam es, dass die Schule zwar schon 1950 von Klasse 5 bis 10 zweizügig war, das erste Abitur in zwei Parallelklassen aber erst 1959 stattfand. Seit 1955/56 waren die Lehrer Landesbeamte; die Gemeinden brauchten sie nicht mehr zu bezahlen und konnten das Schulgeld auslaufen lassen. Die Gemeinde Westerstede brauchte die Pension von Dr. Stillahn nicht mehr zu bezahlen, denn der wurde erst 1957 pensioniert. Sein Nachfolger war OStDir. Dr. Kurt Blohm. Im selben Jahr (1957) machte das Land Niedersachsen aus der Oberschule für Jungen das GYMNASIUM WESTERSTEDE. Das ist es bekanntlich noch heute, wenn auch jetzt mit dem Zusatz EUROPASCHULE.

Im Schuljahr 1958/59 konnte dann nach der Fertigstellung des zweiten Bauabschnittes des Nordbaus ein mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig ab Klasse 11 angeboten werden. Damit hatte die Schule nunmehr einen sprachlichen und einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig. Sie existierten bis die Reform der Oberstufe die Aufteilung in Zweige ablöste. Die Einführung der reformierten Oberstufe war in Niedersachsen flächendeckend für 1976 vorgesehen, aber bei uns wurde sie bereits 1973 vorzeitig eingeführt. Schon vorher war unter OStDir. Dr. Karl-Heinz Schulz-Streeck (1965 – 74) mit verschiedenen Leistungsgruppen experimentiert worden. Ab 1974 war dann OStDir. Friedrich Hüffmeier Leiter unserer Schule, seit 2000 ist es OStDir. Norbert Brumloop. Beide setzten die Arbeit mit der reformierten Oberstufe im Rahmen der jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen fort.

Ihre wichtigsten Kennzeichen waren: 1. Die Gleichwertigkeit aller Fächer: alle Fächer konnten als Grund- (3-stdg.) und Leistungskurse (5-stdg.) angeboten werden. Damit konnte sich jeder Schüler entsprechend seiner Fähigkeiten spezialisieren. 2. Die Schüler hatten 4 Prüfungsfächer, zwei davon mussten Leistungsfächer sein. Die Fächer wurden in Aufgabenfelder aufgeteilt (sprachliches, gesellschaftswissenschaftliches, mathematisch-naturwissenschaftliches). Alle drei Aufgabenfelder mussten durch die Prüfungsfächer abgedeckt sein. Damit sollte eine gewisse Allgemeinbildung gesichert werden. 3. Um einer möglichen Saisonarbeit entgegen zu wirken, flossen fast alle in der Oberstufe erzielten Ergebnisse in die Abiturswertung ein.

Alle weiteren Reformen (z.B. die von 1982) hatten zum Ziel ein (für das Land) besseres Verhältnis der Lehrer- und der Schülerstunden, denn eine so weitgehende Reform müsste als Basis viel mehr Schüler haben, als ein normales Gymnasium bieten kann. Die angestrebte Kooperation erwies sich auf dem Lande wegen der weiten Wege als schwierig. Schließlich wurden seit 2005 (fast) alle Kurse vierstündig angeboten, auch die neu eingerichteten Schwerpunktkurse. Ein Unterschied zwischen Leistungs- und Grundkursen wird – zeitlich – nicht mehr gemacht. Allerdings gibt es den Unterschied zwischen den Kursen auf grundlegendem Niveau und Kursen auf erhöhtem Niveau; außerdem die Einführung des so genannten "Seminarfachs", das fächerungebunden (wenngleich mit konkreten Inhalten aus unterschiedlichsten Fach- und Wissensbereichen) das Erlernen von Methoden als Aufgabe hat. Dazu wurden die Wahlmöglichkeiten eingeschränkt. Die Zahl der Abiturprüfungsfächer dagegen wurde auf fünf erhöht. Alles in allem ist das Anforderungsniveau für die Schülerinnen und Schüler gestiegen.

Dies wird für einen Teil des aktuellen Jahrgangs im Schuljahr 2009/10 verschärft durch die Einführung des Abiturs in Klasse 12 statt wie bisher in Klasse 13. Im Schuljahr 2010/11 wird es erstmals das Abitur eines Doppeljahrgangs geben von Schülerinnen und Schülern, die aus der 10. Klasse und solchen, die aus der 11. Klasse in die beiden letzten Jahre des Gymnasiums (Qualifikationsphase) übergegangen sind. Das hängt mit der Abschaffung der dreizehnten Klassen zusammen. Hier schließt sich ein Kreis: Im Schuljahr 1952/53 gab es aus dem umgekehrten Grund kein Abitur.

Viel größere Auswirkungen hatte die Einführung und spätere Wiederabschaffung der Orientierungsstufe. Sie wurde im Schuljahr 1975/76 eingeführt. Damit hatte das Gymnasium erstmalig keine fünften Klassen mehr. Im Schuljahr 2004/05 waren sie wieder da, zusammen mit den sechsten Klassen. In diesem Jahr wurden drei Jahrgänge gleichzeitig (!) aufgenommen, d.h. ca. 400 Neuzugänge auf einen Schlag. Die Schülerzahl stieg auf ungeahnte Höhen, nämlich auf 1376 im Schuljahr 2009/10; und das obwohl der Landkreis Friesland die Grenzen des Einzugsbereiches faktisch geschlossen hat. Eine Zweigstelle in Apen war erforderlich, dazu erstmal 7, dann 9 Modulbauklassen; und für die vielen "Kleinen" musste der Pausenhof rasch und kreativ gestaltet werden, um Aktivitäten in der Pause zu ermöglichen. Schließlich wurde wieder gebaut: 14 Klassen bzw. Fachräume wurden am 25.1.2010 eingeweiht. Dieser Bauabschnitt war die größte bisher getätigte Einzelinvestition der Stadt Westerstede.

Der gewaltige Anstieg der Schülerzahlen ging mit einem ebenso deutlichen Anstieg der Lehrerzahlen einher; diese Zahl hat sich in den letzten Jahren etwa verdoppelt: Waren es vor 2000 nicht ganz 70, so sind es heute ca. 130. Gut, dass die meisten auch in den Pausen irgendwo im Hause beschäftigt sind, denn die Zahl der Sitzplätze im Lehrerzimmer ist dieselbe geblieben. Auch hier soll durch eine weitere Baumaßnahme Abhilfe geschaffen werden.

Mindestens so sehr wie die behördlich verordneten Reformen haben vielfältige Aspekte des Schullebens die Lernmöglichkeiten und die Zukunftsperspektiven der Schülerinnen und Schüler geprägt. Seit den 50er Jahren gibt es (mit Unterbrechungen) die AGs Orchester, Chor, Laienspiel und verschiedene Sport-AGs. Die Schule hat darüber hinaus ihre Chancen ergriffen, u.a. die Möglichkeiten zur Einführung neuer Fächer wie die Leistungskurse Musik (seit 1973) und Kunst (seit 1978/79), Musik als Hauptfach (Musikzweig Kl. 7 – 10, seit 1989), Wirtschaftslehre oder Spanisch, natürlich das Fach Informatik (seit 1985) – auch im Rahmen der Aktion "Schulen ans Netz". Die neuen Medien haben zudem in der Verwaltung unübersehbar Einzug gehalten. Für die Schüler ist die Arbeit in der Medieninsel im Studierbereich oder in einem der Medienräume etwas Alltägliches; zunehmend auch die Arbeit mit dem eigenen Labtop, der bei den Oberstufenschülern so selbstverständlich in die Tasche gehört wie früher bei den Erstklässlern die Schiefertafel. Bereits vor 1990 gab es viele Umweltaktivitäten besonders der naturwissenschaftlichen AG; die Erstellung eines Umweltkonzeptes für die Schule brachte uns 1991 den Umweltpreis der Stadt Westerstede ein.

Die Schule hat die ihr anvertrauten Kinder in die Welt hinausgeführt: Landschulheimaufenthalt, Klassen- und Studienfahrten, Austausch mit vielen Partnern in Ost und West. Im Jahre 1998 wurden wir EUROPASCHULE in Anerkennung der vielfältigen Partnerschaften vor allem mit Osteuropa. Das Gymnasium hat seine Möglichkeiten der Profilierung genutzt: Umweltschule, Europaschule, hat den Schritt zur Ganztagsschule gewagt und trägt hiermit den veränderten Bedingungen für Lernen und Arbeiten ebenso Rechnung wie veränderten häuslichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Im Rahmen des Ganztagsangebotes holt sich die Schule Kooperationspartner, die Angebote machen, für die den Lehrern die besondere Qualifikation fehlt. Der bisher letzte Schritt zur Anpassung der Schule an veränderte Bedingungen ist der "Feldversuch" eines geänderten Tagesrhythmus: Regeleinheit ist die Doppelstunde ohne kleine Pause, was Auswirkungen auf die Gestaltung des Unterrichts hat, vor allem im Hinblick auf die Unterrichtsmethoden. Die beiden großen Pausen sind auf je 20 Minuten verlängert worden.